Jagdtrieb Hund: Die gefährliche Sekunde im Herbstwald

Vorstehhund mit Brustgeschirr und orangefarbener Schleppleine steht mit angehobener Vorderpfote auf einem Waldweg und blickt zu einem Rehbock im Nebel, während eine Person die Leine hält. Typisches Jagdtrieb-Verhalten beim Hund.

Jagdtrieb Hund: Warum die Drückjagdsaison jeden Rückruf auf die Probe stellt und was die Schleppleine über uns verrät

Es beginnt meist mit einem Schild. Rot umrandet, an eine Kiefer genagelt oder an eine Absperrbake gelehnt, steht darauf „Achtung, Drückjagd“. Wer an einem Oktobermorgen mit dem Hund durch einen märkischen Forst geht, irgendwo zwischen Beelitz und der Schorfheide, wo der Nebel noch über den Schonungen hängt, liest es im Vorbeigehen. Er denkt an Jäger, an Schüsse, vielleicht an Wildschweinbraten. Selten denkt er an das Tier an seiner Seite, das in diesem Moment die Nase hebt, als hätte jemand im Nebenzimmer den Kühlschrank geöffnet.

Von Oktober bis Januar ist Drückjagdsaison. Treiber und Stöberhunde gehen durch die Dickungen, auf den Ständen warten die Schützen, und das Wild, das Spaziergängern sonst diskret aus dem Weg geht, ist plötzlich in Bewegung. Rehe queren Waldwege, Rotten von Sauen brechen durch das Unterholz, und noch Tage danach liegt eine Unruhe im Revier, die jeder Hund wittert, lange bevor sein Mensch etwas bemerkt. Spätestens jetzt wird der Jagdtrieb des Hundes vom Gesprächsthema auf der Hundewiese zur ernsten Angelegenheit.

Ein Erbe, das sich nicht verhandeln lässt

Konrad Lorenz hat 1950 ein ganzes Buch darüber geschrieben, wie der Mensch auf den Hund kam. Die Geschichte ist uralt, eine Partnerschaft am Lagerfeuer, später auf dem Hof, heute auf dem Sofa. Was wir dabei gern vergessen: Der Hund kam nicht als Mitbewohner zu uns, sondern als Jagdgefährte. Wir haben ihn über Jahrtausende genau darauf gezüchtet, Wild zu finden, zu verfolgen und zu stellen. Dass derselbe Hund nun im Grunewald freundlich neben dem Kinderwagen trabt, ist eine kulturelle Leistung. Es ist aber keine biologische Verwandlung.

Jagdverhalten ist deshalb keine Unart, die man aberziehen könnte wie das Betteln am Tisch. Es ist eine Handlungskette, tief im Tier verankert: orten, fixieren, anschleichen, hetzen, packen. Das Tückische liegt im vierten Glied. Das Hetzen belohnt sich selbst, das Gehirn schüttet dabei aus, was kein Leckerli der Welt aufwiegen kann. Jeder erfolgreiche Sprint ins Unterholz ist eine Trainingseinheit, leider in die falsche Richtung. Wer seinen Hund dreimal hat hetzen lassen, hat ihm etwas beigebracht. Es war bloß nicht das, was er wollte.

Die Illusion des braven Hundes

Fragt man Halter, ob ihr Hund zuverlässig kommt, bejahen die meisten. Auf der Wiese, vor dem Bäcker, im Treppenhaus klappt es ja auch. Nur verwechselt man dabei Gehorsam mit Gelegenheit. Ein Rückruf, der funktioniert, solange nichts Interessanteres passiert, ist eine Höflichkeit und kein Rückruf. Der Herbstwald ist der Ort, an dem diese Höflichkeit endet.

Die Antike kannte dafür ein drastisches Bild. Aktaion, der Jäger, der Artemis beim Baden überraschte, wurde in einen Hirsch verwandelt und von seinen eigenen Hunden zerrissen. Jagdtrieb Hund: Sie erkannten ihren Herrn nicht mehr, sie sahen nur noch Beute. Man muss den Mythos nicht wörtlich nehmen, um seine Pointe zu verstehen: In dem Moment, in dem der Jagdtrieb anspringt, steht der Mensch für den Hund nicht mehr im Mittelpunkt. Die Frage ist nur, wie schnell er dorthin zurückfindet.

Das stille Handwerk des Antijagdtrainings

Antijagdtraining klingt martialischer, als es ist. Im Kern ist es Geduldsarbeit, weit weniger spektakulär als das, was es verhindern soll. Gute Trainer setzen dort an, wo die Kette noch nicht in Bewegung ist. Der Hund lernt, beim Fixieren eine Alternative anzubieten und Blickkontakt zu suchen, bevor sein Körper zur gespannten Feder wird. Dazu kommt ein Rückruf, der nicht nebenbei, sondern systematisch aufgebaut wird, oft mit einer Pfeife, deren Ton nicht nach Ärger klingt, sondern verlässlich nach etwas Großartigem. Belohnt wird mit dem, was dem Jagen wenigstens entfernt ähnelt: einem Futterbeutel, der durchs Laub fliegt, einer erlaubten Hetzjagd, die beim Menschen endet.

Das Ziel ist ehrlicherweise nicht, den Jagdtrieb abzuschalten. Das gelingt nicht, und es wäre auch ein seltsamer Wunsch. Das Ziel ist ein Hund, der jagdliche Reize wahrnimmt und trotzdem ansprechbar bleibt. Das ist bescheidener, als es viele Ratgeber versprechen, und deutlich realistischer.

Das unscheinbarste Werkzeug dabei ist das wichtigste: die Schleppleine. Zehn Meter, am Brustgeschirr und nie am Halsband befestigt, ist sie das Eingeständnis, dass Training Zeit braucht und dass die Zwischenzeit abgesichert sein muss. Man sieht ihr den Kompromiss an. Sie verheddert sich in Brombeeren, sie trieft nach jedem Graben, und sie verrät jedem Passanten, dass hier jemand noch nicht fertig ist. Gerade darin liegt ihre Würde. Die Schleppleine ist die Demut des Hundehalters in Seilform.

Darf ein Jäger meinen Hund erschießen?

Man könnte das alles für Kleinkram halten, für eine Frage des Komforts und guten Benehmens. Es ist mehr. Ein Hund, der während einer Drückjagd im Treiben verschwindet, läuft durch ein Gelände, in dem scharf geschossen wird. Er kann eine Landstraße kreuzen, auf die das aufgescheuchte Wild ohnehin flüchtet. Er kann einem Keiler begegnen, der für Missverständnisse wenig Sinn hat. Und in manchen Bundesländern erlaubt das Jagdrecht unter engen Voraussetzungen noch immer, wildernde Hunde zu töten. Darüber wird zu Recht gestritten, und mehrere Länder haben die Regeln verschärft oder abgeschafft. Wer im Herbst ohne Leine durch fremde Reviere läuft, sollte die Rechtslage seines Bundeslandes trotzdem kennen.

Dazu kommt das Tier, über das kaum jemand spricht. Das Reh, das im Winter mit knappen Reserven haushaltet, bezahlt jede Flucht mit Energie, die ihm im Januar fehlt. Der Wald gehört ihm nicht weniger als uns.

Hubertus und die Frage nach dem Maß

Am 3. November feiern Jäger den Tag des heiligen Hubertus. Der Legende nach erschien dem leidenschaftlichen Jäger ein Hirsch mit einem leuchtenden Kreuz im Geweih, und er lernte, dass Jagd ein Maß braucht. Es ist eine erstaunlich moderne Geschichte über das Innehalten mitten im Rausch. Sie passt zu Hunden ebenso wie zu Menschen.

Vielleicht ist das eigentlich Interessante an dieser Jahreszeit, dass sie eine bequeme Illusion zerlegt. Wir halten unsere Hunde für Familienmitglieder, für Mitbewohner mit Fell, und das sind sie auch. Aber sie sind außerdem Raubtiere, deren Vorfahren nicht vom Sofa aus lebten. Im Herbst, wenn der Wald nach feuchtem Laub und Bewegung riecht, tritt dieses Erbe hervor.

Die Sekunde, die entscheidet

Der Rückruf ist darum mehr als ein Kommando. Er ist eine Vereinbarung zwischen zwei Arten, die einander nicht ganz verstehen und es trotzdem miteinander versuchen. Wer diese Vereinbarung im Oktober prüft, prüft letztlich sich selbst: die eigene Geduld, die eigene Ehrlichkeit, den Willen, eine nasse Leine durchs Laub zu schleifen, obwohl es bequemer wäre, auf Glück zu hoffen.

Irgendwann in diesem Winter wird ein Reh über den Weg springen. Der Hund wird erstarren (Jagdtrieb Hund!), die Ohren gespannt, und für den Bruchteil einer Sekunde wird der ganze Wald still sein. Dann ruft man. Was in diesem Augenblick geschieht, entscheidet sich nicht dort zwischen den Kiefern. Es hat sich längst entschieden, in all den unscheinbaren Wochen davor.

Weiterlesen

National

Deutscher Jagdverband (DJV): Hintergründe zu Drückjagden, Jagdzeiten und Wildtieren aus Sicht der Jägerschaft.

Verband für das Deutsche Hundewesen (VDH): Informationen zu Hundehaltung, Rassen und Ausbildung.

Deutscher Tierschutzbund: Tierschutzpositionen zu Hundehaltung, Jagd und dem Umgang mit Wildtieren.

International

American Kennel Club: Training: Englischsprachige Ratgeber zu Rückruf, Impulskontrolle und Jagdverhalten.

The Kennel Club (UK): Britische Perspektive auf verantwortungsvolle Hundehaltung im ländlichen Raum.

RSPCA: Hinweise zu Hundeverhalten, Wildtierschutz und Training ohne Zwang.

Vorstehhund mit Brustgeschirr und orangefarbener Schleppleine steht mit angehobener Vorderpfote auf einem Waldweg und blickt zu einem Rehbock im Nebel, während eine Person die Leine hält. Typisches Jagdtrieb-Verhalten beim Hund.

Über die Autoren: Hinter Mach Sitz! stehen Gritti und Franky. Beide leben seit ihrer Kindheit mit Hunden, vom Welpen bis zum Senior, und sind heute mit ihren eigenen Hunden im Wohnwagen unterwegs. Ihr Wissen stammt aus vielen Hundejahren im echten Alltag. Sie trainieren gewaltfrei, mit Geduld und Belohnung, und verweisen bei gesundheitlichen Fragen ausdrücklich an Tierärztinnen und Tierärzte. Mehr über uns