Leinenführigkeit – wenn aus Spaziergängen Tauziehen wird
Es gibt Hunde, die an der Leine gehen wie auf Wolken.
Und dann gibt es… die Realität:
Das Ziehen, Zerren, Hopsern, Sturstehen, Seitwärtsrudern und das berühmte „Ich habe gerade drei neue Gerüche entdeckt, bitte bleib locker!“.
Wenn dein Arm schon länger trainiert ist als dein Hund, ist das kein Zeichen von schlechtem Training. Es ist schlicht normal. Leinenführigkeit ist eine der schwierigsten Grundübungen überhaupt, weil sie draußen unter Ablenkung stattfinden muss.
Die gute Nachricht: Es ist absolut erlernbar – mit Struktur, Geduld und dem Wissen, wie Hunde unterwegs denken.
Warum ziehen Hunde überhaupt an der Leine?
Einfach gesagt: Weil es funktioniert.
- Sie wollen nach vorne – Zug bringt sie dahin.
- Sie sind aufgeregt – und die Leine überträgt diese Spannung.
- Sie verstehen die Bedeutung der Leine noch nicht.
- Der Mensch geht zu schnell zu große Schritte.
Ziehen ist keine Respektlosigkeit, kein Machtkampf, kein „Er will Chef sein“.
Es ist schlicht mangelnde Orientierung und zu viel Reiz auf einmal.
Die Grundlagen der Leinenführigkeit
1. Orientierung statt ständiges Korrigieren
Der Hund soll lernen:
„Wenn ich mich an meinem Menschen orientiere, lohnt sich das.“
Nicht:
„Wenn ich ziehe, kommt irgendein Ruck, von dem ich nicht weiß, was er bedeutet.“
2. Die richtige Haltung
Kein Dauerdruck auf der Leine, kein Ruck, kein Ziehen in Gegenrichtung.
Eine schöne lockere Leine ist das Ziel – nicht eine militärische Fußposition.
3. Belohne das, was du sehen willst
Sobald die Leine locker wird:
Loben, Futter, Stimme, Weiterlaufen.
Der Hund lernt:
„Lockere Leine = es geht gut weiter.“
4. Pausen statt Kampfspaziergang
Ziehende Hunde sind oft überfordert.
Kurze Pausen helfen, wieder ins Denken zu kommen.
5. Reize langsam steigern
Drinnen üben → Garten → ruhiger Weg → Straßenrand → Stadt → Hundewiese
Wer direkt im Hundepark beginnt, trainiert im Endlevel.
6. Die richtige Ausrüstung
- gut sitzendes Y-Geschirr
- 2–3 m Leine oder für Übungswege sogar 5 m
- keine Flexileine für Grundtraining
- Leckerli/Spielzeug griffbereit
Die Ausrüstung ersetzt das Training nicht, aber sie macht es leichter.
Konkrete Übungen für lockere Leine
Übung 1: Steh-Bleib-Regel
Zieht der Hund, bleibst du stehen.
Keine Emotion, kein Kommentar.
Sobald die Leine locker wird → weitergehen.
Der Hund merkt: Zug bringt mich nicht ans Ziel.
Übung 2: Richtungswechsel
Spüre, dass die Leine gleich spannt?
Wechsle kommentarlos die Richtung.
Der Hund muss auf dich achten.
Bitte ohne hektische Wendungen – Orientierung, kein Marathon.
Übung 3: Futterpunkt-Training
Wirf ein Leckerli leicht hinter dich.
Der Hund dreht sich zu dir um → Jackpot.
Dadurch entsteht rückwärtsgerichtete Orientierung.
Übung 4: „Lauf wieder“
Gib deinem Hund zwischendurch Freiheit:
Nach einem Stück guter Leinenführung darf er schnüffeln und ziehen, solange es sicher ist.
Ritual:
- „Bei mir“ = Orientierung
- „Okay, lauf“ = Freiheit
Hunde lieben klare Wechsel.
Häufige Fehler
- dauerhafte Spannung auf der Leine
- hektische oder wütende Korrekturen
- 5 km „Training“, statt 10 Minuten sinnvoller Arbeit
- immer dieselbe Route
- falsches Geschirr/Halsband
- Training bei zu großer Aufregung
- Reize nicht kleinschrittig aufgebaut
Leinenführigkeit entsteht im Kopf – nicht im Bizeps.
Wann man Unterstützung braucht
Wenn der Hund:
- massiv zieht
- panisch reagiert
- draußen kaum ansprechbar ist
- auf Hunde oder Menschen extrem fixiert ist
- Jagdverhalten zeigt
… dann ist professionelle Hilfe eine gute Entscheidung.
Nicht, weil du versagt hast – sondern weil draußen einfach viel los ist.
Fazit
Leinenführigkeit ist kein magischer Zustand, sondern ein Lernprozess.
Mit Orientierung, klaren Regeln, guten Belohnungen und ruhigen Schritten lernt dein Hund, sicher und entspannt an deiner Seite zu laufen.
Und irgendwann gehst du mit deinem Hund so souverän spazieren, dass andere denken:
„Wow, die zwei haben’s echt drauf.“
Während du weißt, wie viele kleine Schritte dahinterstecken.

